Rallyesport 2.0: Der portugiesische Fotograf André Lavadinho über Leidenschaft, Marketing und Vision
Was die Welt von der Rally Series lernen kann. Gründer André Lavadinho erklärt, wie seine Vision mit dem Projekt „Rally Series“ funktioniert.
Vorwort: Als ich diesen Text heute im englischen Original las, war ich komplett begeistert . André Lavadinho – ich kenne ihn als einen Fotografen-Kollegen bei der WRC – beschreibt hier über seine Leidenschaft und seinen Weg, wie er diesen von uns allen doch so geliebten Sport einem mit neuen, frischen Ideen einem breiten Publikum nahe bringen kann. Ich bat in spontan um die Genehmigung, eine deutsche Fassung zu erstellen, die ihr nun im folgenden lesen könnt. Lasst Euch davon ebenso begeistern, wie ich es getan habe. Danke André.
Rallye gehört zu meinem Leben, seit ich denken kann. Ich war sechs Jahre alt, als mein Vater mir eine Kamera in die Hand drückte und mir sagte, wo ich stehen soll. Mein erstes Foto zeigte den Werksfahrer von Seat, Erwin Weber.
Beide meiner Eltern arbeiteten professionell in der Motorsportfotografie, ich bin also in diesem Umfeld aufgewachsen. Und ich komme aus Portugal – Rallye ist hier eine große Leidenschaft. Als ich 18 wurde, schrieb ich mich an der Universität ein … ging aber nie hin.
Stattdessen gründete ich mein eigenes Unternehmen.

Damit begann meine Reise um die Welt. Mein erster Kunde war Nasser Al-Attiyah. Ihm und Fahrern wie Eyvind Brynildsen und Khalid Al Qassimi verdanke ich sehr viel. Sie haben an mich geglaubt und maßgeblich zu meiner beruflichen Entwicklung beigetragen.
Heute leite ich – über die Fotografie hinaus – ein motorsportfokussiertes Unternehmen für Marketing, Kommunikation, Design und Video. Mehr als zehn Profis arbeiten täglich bei Events für Promoter, Veranstalter, Teams und Werksfahrer.
Doch Rallye steht weiterhin im Zentrum meines Tuns. Ich bin fest davon überzeugt, dass es der großartigste Sport der Welt ist. Keine andere Disziplin verbindet Leistung, Risiko, menschliche Emotionen, Natur und Authentizität so intensiv. Und wer eine Rallye einmal wirklich erlebt – vor allem live – kommt kaum davon los.
Man ist gefesselt. Fürs Leben.

Fotografie war mein Einstieg, aber mein Traum war immer Promotion. Hätte ich studiert, dann Marketing. Heute treffen sich diese Welten in der Rally Series.
Eine der größten Herausforderungen des Rallyesports ist es, neue Zielgruppen zu gewinnen. Der Sport hat alles, was er zum Wachsen braucht. Er muss sich nur mehr öffnen, besser erklärt und anders erlebbar gemacht werden – fanfreundlicher.
Der Rallyesport muss sich im Format weiterentwickeln, ohne seine Essenz und seinen Wettbewerbscharakter zu verlieren. Die Rally Series ist kein Kampf gegen Tradition, sondern eine Evolution. Ich will helfen, weil ich diesen Sport liebe. Ich sage oft, mein Job sei ein Hobby. Warum? Weil es sich für mich nicht wie Arbeit anfühlt. Ich verlasse oft meine Komfortzone, aber ich bin nie unglücklich und gebe nie auf. Ich weiß, dass dieser Weg richtig ist – sonst hätte ich dieses Risiko nie auf mich genommen.
Es ist wie der Übergang vom Nokia 3310 zum iPhone – eine natürliche Entwicklung, die überall stattfindet.

Wir leben in einer Zeit, in der Fahrer, Marken und Fans Sichtbarkeit, emotionale Verbindung und Storytelling suchen. Es geht nicht mehr nur um reinen Wettbewerb. Das ist Realität. Junge Fahrer wollen zeigen, wer sie sind. Sie wollen gesehen werden, interagieren und nicht nur isoliert gegen die Stoppuhr fahren. Dafür brauchen sie Zeit, stärkere Kommunikationsteams und die Möglichkeit, den Tag mit Raum für all das zu beenden.
Das Problem ist nicht der Wettbewerb. Das Problem ist, dass traditionelle Formate den Fahrern oft Zeit und Raum nehmen, ihre Persönlichkeit zu zeigen. Ich bin überzeugt: Die Zukunft liegt in der Balance – echtem sportlichen Wettbewerb und kontrollierten Momenten des Spektakels.
Das war die Inspiration für die Rally Series – eine Idee, die mich lange begleitet hat.

2023, mit einem komplett ausgearbeiteten Konzept, das offiziell 2025 starten sollte, organisierte ich eine vollständig regulierte Rallye nach allen offiziellen Regeln an einem wunderschönen Ort. Ich schuf eine Arena, bewarb die Veranstaltung und organisierte sie gemeinsam mit professionellen Kollegen eines Veranstalterclubs, die bis heute an meiner Seite sind. Ich fuhr einen Citroën C3 Rally2 und gewann die Rallye nach einem fairen Duell mit zwei bekannten Topfahrern.
In diesem Moment wurde mir klar: Eine Arena-Prüfung, die viermal gefahren wird, reicht nicht. Also entwickelte ich das Konzept weiter – Arena plus klassische Wertungsprüfungen. Das wurde das Fundament der ersten Rally-Series-Saison im vergangenen Jahr. Wir nutzen fanfreundliche Arenen, die Familien einen perfekten Ort bieten, um unseren Sport zu erleben – oft zum allerersten Mal. Es ist ein großartiger Tag und eine ideale Möglichkeit zu zeigen, was Rallye bedeutet. Neben allen Aktionen verläuft eine Prüfung durch die Arena, sodass die Fans die Autos in Aktion sehen.
Doch das allein genügte nicht. Deshalb gibt es zusätzlich klassische Prüfungen, um dem Wettbewerb mehr Bedeutung zu geben – aber die Autos kehren immer wieder in die Arena zurück. Die Fans stehen im Mittelpunkt. Das sind keine Rundstreckenrallyes. Die Rally Series wertet klassische Veranstaltungen auf.

Die Rally Series entstand von Grund auf, über Jahre hinweg aus Skizzen und Konzepten – ein echtes Puzzle aus Ideen meiner internationalen Laufbahn. Jedes Detail wurde durchdacht: sportliches Format, Arenen, Kommunikation, Inhalte, Fan-Erlebnis, Logistik und Auftritt. Und ein ganz wichtiger Punkt: Ich liebe das Fahren, konnte daraus aber nie ein komplettes Projekt machen. Mit der Rally Series ist es einfacher, echte Chancen für Fahrer zu schaffen, die sie verdienen.
Es erforderte enorm viel Arbeit – von mir und von einem hoch engagierten Promoter-Team. Vor dem ersten Event existierte nichts. Alles wurde bei null aufgebaut. Auch kommunikativ ging es von null auf hundert. Ideen, die wir immer umsetzen wollten und oft nicht durften, haben wir im ersten Jahr realisiert und werden sie im zweiten noch weiter ausbauen – inklusive kreativem Content, fanorientierten Livestreams und vielem mehr.
Genau deshalb hat es funktioniert. Keine schlechten Gewohnheiten. Keine Altlasten.

Die erste Saison mit fünf Läufen in Portugal übertraf die Erwartungen deutlich. Die Wirkung war enorm: starke Zuschauerzahlen, hohe digitale Reichweite, extrem positives Feedback von Fahrern und Teams und wachsendes Sponsoreninteresse. Es bringt echten, direkten Mehrwert. Am wichtigsten aber war, neue Fans zu gewinnen – Familien, junge Menschen, Leute, die zuvor noch nie bei einer Rallye waren. Für mich ist das der größte Erfolg, dank Komfort, Zugänglichkeit und Atmosphäre der Arena und der Fan-Zone.
Oft hatte ich im vergangenen Jahr diesen Gedanken: „Das passiert gerade wirklich. Wir machen das tatsächlich.“

Und jetzt machen wir weiter. 2026 wird ein Jahr der Konsolidierung und des Wachstums. Wir heben die Content-Produktion auf ein neues Niveau und stärken Partnerschaften. Mit Castrol als jährlichem Titelsponsor beginnt eine neue Phase mit klarer Identität und Stabilität. Weitere neue Marken folgen. Parallel wird die Rally Series als internationales Franchise-Modell strukturiert. Rechtliche und vertragliche Arbeiten laufen bereits.
Langfristig wollen wir den Rallyesport weltweit stärken und weiterentwickeln, ohne seine Identität zu verlieren. Alles ist geplant, das Puzzle liegt bereit. Was wir jetzt brauchen, ist die Chance.
Das ist kein Hobby.
Das ist mein Leben.
André Lavadinho
Der Originalartikel wurde hier veröffentlicht: https://dirtfish.com/rally/the-lessons-the-world-can-learn-from-rally-series/

